Rolf Anschütz ist Gastronom aus Leidenschaft, schon in der dritten Generation führt er die Tradition seiner Familie fort. Mitte der 60er Jahre betreibt der gelernte Koch und spätere Gastronomie-Ingenieur im thüringischen Suhl die Gaststätte „Waffenschmied“, ein Weinlokal, das seine Gäste mit heimischen Gerichten verwöhnt. Rolf ist verheiratet und hat zwei Kinder. Man hat sich im real existierenden Sozialismus häuslich eingerichtet und alles könnte in geregelten Bahnen verlaufen. Doch mit der Einführung des arbeitsfreien Samstags in der DDR, sollte sich das Leben des Rolf Anschütz gründlich ändern. Angespornt von einigen Lokaljournalisten, die bei ihm Stammgast sind, lässt sich Rolf für die arbeitsfreien Samstage etwas Besonderes einfallen.

Während er früher Mottoabende wie zum Beispiel „Rosen-Bälle“ veranstaltete, erinnert er sich an eine geheime Leidenschaft, die ihn schon immer faszinierte, die er aber nie ausleben oder praktizieren konnte – die japanische Küche! Während seiner Ausbildung hatte er zum ersten Mal davon gehört und war sofort davon eingenommen, jetzt schien ihm der richtige Zeitpunkt zu sein, es einmal auszuprobieren. Im hinteren Teil des „Waffenschmied“ stand ein Raum leer und dort sollte es geschehen. Dort wollte er sein erstes original japanisches Gastmahl servieren. Während ihn die Genossen von der HO für völlig verrückt halten. Originalton: „Anschütz, haben Sie überhaupt eine Ahnung, wo Japan liegt?“ lässt sich Rolf nicht mehr von seinem Vorhaben abbringen. Sogar das Problem mit der Sojasoße wird gelöst. Einer der Journalisten hat einen Kontakt zum Außenministerium in Ost-Berlin.

Dort sitzt ein Genosse in der Pressestelle, der jeden Morgen – mangels diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland Ost und Deutschland West – mit fünf Mark Westgeld über den Checkpoint Charlie marschiert und die neuesten West-Tageszeitungen erwirbt. Schließlich will man auch in Ost-Berlin wissen, was der Klassenfeind so über einen denkt. Bei dieser Gelegenheit wird eine Flasche Sojasoße organisiert und nach Suhl geschickt. Doch Rolf Anschütz wäre nicht Rolf Anschütz, wenn er sich schon damit zufrieden geben würde, nur „japanisch“ zu kochen – auch das Ambiente ist ihm wichtig. Schließlich sitzt man in Japan an sehr niedrigen Tischen, auf sehr niedrigen Stühlen. Zufällig steht zwei Häuser weiter auf dem Dachboden das ungenutzte Mobiliar einer anderen Gaststätte, deren Inhaber es vorgezogen hatten, ihr Glück im Westen zu suchen. Kurzerhand holt Rolf sich die Genehmigung, einige Tische und Stühle verwenden zu dürfen und sägt sie dann höchstpersönlich auf japanische Maße zurecht.

Schließlich dekoriert er noch die Wände mit Stoffbahnen und japanischen Mustern oder besser, was er dafür hält, dann kann das Gastmahl beginnen. Der Abend wird ein voller Erfolg, die Journalisten sind begeistert und Rolf verspricht eine baldige Wiederholung. Er weiß nicht, dass sich sein Leben und das seiner Familie nach diesem Abend für immer verändern sollte.

Schließlich dekoriert er noch die Wände mit Stoffbahnen und japanischen Mustern oder besser, was er dafür hält, dann kann das Gastmahl beginnen. Der Abend wird ein voller Erfolg, die Journalisten sind begeistert und Rolf verspricht eine baldige Wiederholung. Er weiß nicht, dass sich sein Leben und das seiner Familie nach diesem Abend für immer verändern sollte.

Zwar überlegt er, wie er die japanische Küche als dauerhafte Einrichtung erhalten kann, doch weiß er auch, das dies den Genossen in der HO nicht gefallen wird. Was er nicht weiß, ist, dass ihm die Entscheidung darüber bald abgenommen wird, denn das Schicksal hat schon längst entschieden.

Was für ein schöner Abend! 

Einer der Journalisten veröffentlicht in der örtlichen Suhler Tageszeitung „Freies Wort“, einen Artikel über den netten Abend und – wie es der Zufall will, gelangt der Artikel auch nach Leipzig. Nur wenige Tage später stürmt eine Kellnerin aus dem Gastraum in Anschütz‘ Büro und ruft aufgeregt:

„Chef, da draußen sitzt ein Schlitzauge, ein Japaner, ein echter Japaner, der extra aus Leipzig gekommen ist und der will, dass SIE für ihn kochen“.

Nun kommt die Stunde der Wahrheit: ein echter Japaner. Jetzt wird sich zeigen, ob die Vorstellungen die Rolf Anschütz von japanischem Essen hat, sich mit denen eines echten Japaners decken – sie tun es. Diesmal bringt sogar die ADN – die Nachrichtenagentur der DDR – eine Meldung, die im ganzen Land über die Ticker läuft.

Damit beginnt der kometenhaften Aufstieg des Rolf Anschütz und der neugegründeten Japan-Abteilung der thüringischen Gaststätte „Waffenschmied“ Innerhalb weniger Wochen spricht es sich anscheinend bei allen in der DDR verweilenden Japanern sowie der einheimischen Bevölkerung herum, dass in Suhl ein Restaurant entstanden ist, wie man es sonst nur im Westen (und natürlich in Japan!) findet.

Rolf Anschütz versteht es schnell mit der neuen Situation zurechtzukommen. Während seine Frau sich um den thüringischen Teil des Waffenschmieds kümmert, gilt seine ganze Aufmerksamkeit der „Japan-Abteilung“. Neue Rezepte müssen her, die Speisekarte wird erweitert und auch exotische Gerichte sind jetzt zu haben. Aber nicht nur das, auch das Drumherum soll so japanisch wie möglich sein.

Innerhalb weniger Jahre stehen Anschütz Westdevisen für mehrere 100.000 DM zur Verfügung, um sich in Düsseldorf beim exklusivsten Feinkostspezialisten für asiatische Lebensmittel einzudecken. LKW-Ladungen mit seltenem Fisch, Krabbenfleisch und Bambussprossen werden nach Suhl transportiert, um japanischen Wirtschaftsdelegationen, Messebesuchern aus Leipzig und volkseigenen Brigaden die exotischsten japanischen Gerichte servieren zu können. Rolf Anschütz hat inzwischen den Status eines japanischen Meisterkochs erreicht.

Alles was er weiß hat er sich selbst beigebracht. Er lernt japanisch aus Büchern, studiert Tag und Nacht die Gebräuche dieses fremden Volkes, das ihm doch irgendwie so nah ist und verfeinert seine Kochkünste immer und immer wieder. Er gibt 11.000 Ostmark für die Übersetzung eines japanischen Kochbuches aus und nimmt dabei das Scheitern seiner Ehe in Kauf. Der „Waffenschmied“ gehört inzwischen zu den anerkanntesten japanischen Restaurants außerhalb Japans. In Europa ist er die unumstrittene Nummer Eins, erst danach kommen Brüssel und Paris.

Auch in der DDR ist er längst eine Institution, ein Muss für jeden Japaner und Höhepunkt jeder Diplomatenreise. Der kleine Koch aus Suhl ist König in seiner Welt. Dabei hält Anschütz jedem Versuch stand, das nun berühmte Lokal nach Ost-Berlin zu verlegen. Wer seine Kochkünste genießen will, muss in die Provinz reisen. Doch Anschütz kann sich auf Dauer dem politischen Willen seiner Genossen nicht dauerhaft entziehen. Er wird gebeten, seine Kochkünste auch bei entsprechenden Anlässen in Ost Berlin zum Besten zu geben. So wird der Koch ein Botschafter seiner Kunst und Teil der Politik. Er wird zum Vermittler zwischen Ost und West und löst einen wahren Japan-Boom in der DDR aus. In seinem Beisein werden millionenschwere Geschäftsabschlüsse getroffen und gefeiert.

Der real existierende Sozialismus arrangiert sich – mitten im Kalten Krieg – prächtig mit dem wohl kapitalistischsten Land seiner Zeit:

Er wird zum Vermittler zwischen Ost und West und löst einen wahren Japan Boom in der DDR aus.

Rolf Anschütz interessiert das nicht, er kocht für die friedliche Koexistenz der Völker und bleibt zeitlebens einfacher Angestellter der HO mit einem Monatseinkommen von 700 Ostmark. Mitte der 70er Jahre sind die Kapazitäten des „Waffenschmied“ erschöpft. Das Restaurant läuft auf Hochtouren, wer im „Waffenschmied“ ein Gastmahl genießen will, muss zwei Jahre im voraus buchen. Rolf Anschütz muss anbauen und legt noch einen drauf. Ab sofort gibt es das original japanische Gastmahl nach streng traditionellen Regeln – dem rituellen Waschen. Das heißt nichts anderes, als dass die Gäste vor dem Essen ein gemeinsames Bad nehmen und das natürlich nackt. er „Waffenschmied“ ist ein Schmelztiegel.

Nirgendwo sonst in der DDR treffen Ost und West so ungezwungen aufeinander wie dort. Nirgendwo sonst werden auf so unkonventionelle Art Geschäfte abgeschlossen und Politik gemacht. Was als Gag entstand, hatte längst eine Eigendynamik entwickelt. Die Partei, die Anschütz und seinem abenteuerlichen Projekt zunächst skeptisch gegenüberstand, kann schon lange nicht mehr eingreifen, da die japanische Regierung Anschütz mit Ehrungen überhäuft und schützend ihre Hand über ihn und sein Lokal hält.

Rolf wird bewusst, hier kann er nicht bleiben, er muss zurück nach Suhl – dort sind seine Wurzeln, da ist seine Heimat.

Aber da das Restaurant sehr profi tabel läuft und pro Jahr Millionen an Devisen bringt, kann auch die Partei gut damit Leben. Genos sen, vor allem Vorgesetzte, die versuchen Anschütz das Leben schwer zu machen und ihm den Erfolg nicht gönnen, gibt es trotzdem genug. Doch jeder kann das aus dem „Waffenschmied“ mitnehmen, was ihm nahe liegt. Die Arbeiter von der Brigade sehen in ihm einen Themen-park, eine einmalige Abwechslung, wie man sie sonst nicht findet in der DDR, die Partei nutzt ihn als Geldquelle und Aushängeschild der Völkerverständigung und Rolf Anschütz als Mittel seinen Landsleuten eine fremde Kultur näherzubringen. 1979 kommt, was kommen musste.

Rolf Anschuetz im Land der Träume?

An einem Sonntag im Mai, sitzt eine japanische Delegation im „Waffenschmied“ und lässt sich von Rolf Anschütz verwöhnen. Als das Mahl beendet ist, bedankt man sich höflich und lädt Anschütz zum Gegenbesuch nach Japan ein und zwar am kommenden Wochenende! Ost-Berlin hat keine andere Wahl als der Einladung zuzustimmen und so fliegt Rolf Anschütz von Berlin-Schönefeld über Moskau nach Tokio. Er, der Japan nur aus Büchern kennt, hat letztendlich die Gelegenheit das Land seiner Träume kennen zu lernen.

Der Flughafen in Tokio ist riesig, die Eindrücke überwältigend. Rolf Anschütz hofft inständig, dass er sich nicht verläuft und dass ihn jemand abholt. Als er aus der Gepäckausgabe kommt, hört er eine vertraute Melodie: „Das Heideröslein“. Vor ihm stehen 6 Japaner, alles ehemalige Gäste des „Waffenschmied“ und bringen ihm ein Ständchen. Rolf ist angekommen, er ist zuhause. Was folgt, sind vier ereignisreiche Wochen, in denen er Dutzende von japanischen Restaurants kennen lernt und im Gegenzug die Japaner auch in die Geheimnisse der thüringischen Küche einweihen muss. Die Japaner sind inzwischen davon überzeugt, dass es eine Laune der Natur gewesen sein muss, dass Rolf auf der anderen Seite des Globus in Thüringen das Licht der Welt erblickt hat, für sie ist er eigentlich einer der ihren.

Während seiner Reise werden ihm höchste Ehren zu Teil, er wird in Kreise eingeführt, die dem normalen Besucher aus dem Westen für immer verborgen bleiben. Im Laufe der 80er Jahre wird der Druck auf Rolf Anschütz von Seiten der Partei immer stärker. Es gibt immer mehr Neider, die ihm den Erfolg nicht gönnen wollen und denen es auch egal ist, dass der „Waffenschmied“ eine großartige Devisenquelle ist. Die Planvorgaben an die Umsätze, die Anschütz bringen muss, werden von Jahr zu Jahr erhöht. Rolf Anschütz verlässt gegen Ende der 80er Jahre die Lust, sich immer wieder gegen neue Hürden der HO hinwegzusetzen. Er beginnt ernsthaft über einen Ausstieg aus seinem Geschäft nachzudenken, als abermals die Ereignisse seinen Überlegungen vorauseilen. Im Herbst 1989, als auch in der Provinz jedem klar wird, dass die DDR ihrem Ende zugeht, sieht er noch einmal eine Chance.

Jetzt, wo ein neues Klima einsetzt, die Partei immer mehr in den Hintergrund tritt, jetzt wo die Leute anfangen, offen und ohne Angst über alle Probleme des täglichen Lebens zu diskutieren, jetzt scheint ihm die Zeit, das Heft noch einmal selbst in die Hand zu nehmen. In der Stadthalle in Suhl findet im Dezember 1989 eine Diskussionsrunde statt. Die Halle ist bis zum letzten Platz besetzt, die Bürger wollen die Gelegenheit nutzen, das erste Mal frei über die Dinge zu sprechen, die Ihnen am Herzen liegen. Auch Rolf Anschütz steht auf der Rednerliste. Er will von „seinen“ Suhlern wissen, ob sie ihn dabei unterstützen würden, den „Waffenschmied“ alleine weiter zuführen, ohne die Kontrolle der HO, dafür will er sich einsetzen, dafür will er kämpfen und dafür benötigt er die Unterstützung der Suhler Bevölkerung, so wie sie ihn und seine Ideen immer unterstützt haben. Noch ein Redner ist vor ihm, dann kommt er an die Reihe.

In diesem Moment geht die Tür auf und eine ortsansässige Rechtsanwältin stürmt in den Saal, geht auf die Bühne und verkündet durch das Mikrofon, dass die hiesige Stasi-Abtei lung gerade dabei wäre, ihre Büros aufzulösen und Akten fortzuschaffen. Das müsse verhindert werden. Der Saal leert sich innerhalb weniger Minuten, alle machen sich auf, um die Vernichtung ihrer Akten zu stoppen. Alle? Nein, nicht alle, zurück bleibt Rolf Anschütz, der nicht mehr dazu kommt, eine Rede für seinen „Waffenschmied“ zu halten. Erneut hat ihm das Schicksal eine Entscheidung abgenommen. Noch lange sitzt er ganz alleine in der großen Halle und tief im Inneren weiß er, dass soeben eine Ära zu Ende gegangen ist.